Werden die Vorteile von körperlicher Aktivität bei Arthrose überschätzt?
Bochum. Eigentlich gelten körperliches Training und gelenkschonender Sport im Rahmen der individuellen Möglichkeiten bei Arthrose als gesetzt. Leitlinien empfehlen Bewegung als zentrale Säule der Behandlung. Die Datengrundlage bilden allerdings meist Studien, die Training keiner Therapie gegenüberstellen.
Eine Forschungsgruppe unter deutscher Federführung hat nun gezielt Studien analysiert, die Training auch mit anderen Therapieformen bei verschiedenen Arthrosen vergleichen.
Insgesamt ist die Evidenz mager, und die Ergebnisse sind eher ernüchternd.
„Wir fanden weitgehend uneindeutige Belege für die Wirksamkeit von Übungen bei Arthrose. Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass die Auswirkungen auf Schmerzen und Funktion bei verschiedenen Arten von Arthrose im Vergleich zu Placebo oder keiner Behandlung vernachlässigbar gering oder bestenfalls von kurzer Dauer sind“, fassen die Autorinnen und Autoren zusammen (RMD Open 2026; online 17. Februar). „Die Effekte scheinen in größeren und längerfristigen Studien weniger ausgeprägt zu sein, was die allgemeine Empfehlung von Bewegung in Frage stellt.“
Die aber steht in vielen Leitlinien. „Betroffene sollen zu lebenslanger aktiver Bewegung innerhalb der Grenzen der Erkrankung (keine Überbelastung!) motiviert werden. Sport ohne deutliche Kniegelenksbelastung, Bewegung und Kräftigungsübungen dienen nicht nur der Vorbeugung, sondern spielen auch bei bereits bestehender Kniegelenksarthrose oder nach einem Kniegelenksersatz eine wichtige Rolle zur Schmerzbehandlung und zur Verbesserung der Beweglichkeit des Kniegelenks“, heißt es etwa in der Patienten-Leitlinie zur deutschen S3-Leitlinie „Prävention und Therapie der Gonarthrose“ 2024 (AWMF-Registernr. 187-050).
Dort steht auch: „Betroffene sollen eine individuell angepasste Bewegungstherapie (z.B. Wassergymnastik, Trockengymnastik, Krafttraining, Ausdauertraining), am besten unter Aufsicht, zum Beispiel im Rahmen von Physiotherapie und Rehabilitationssport erhalten.“
Arthrose: Operative Therapie am Knie teils überlegen
In die aktuelle Auswertung flossen Daten aus fünf systematischen Reviews zu insgesamt 100 Einzelstudien mit 8.631 Teilnehmenden sowie 28 randomisiert-kontrollieren Studien (RCT) mit 4.360 Personen ein. 23 RCT betrafen Arthrosen an Knie- oder Hüftgelenken, drei solche an den Händen, zwei Sprunggelenksarthrosen.
Als minimal klinisch relevante Differenz für eine wirksame Therapie waren acht Punkte auf einer Skala von 0 - 100 gefordert. 8 - ≤12,5 Punkte galten als kleiner, 12,5 - ≤20 als moderater und >20 Punkte als großer Effekt.
Bei Gonarthrose-Schmerzen fanden die Forschenden gegenüber Placebo kurzfristig Verbesserungen um -10,8 Punkte und gegenüber keiner Behandlung um -12,4 Punkte – bei geringer Sicherheit der Evidenz und weniger Wirkung in größeren und längeren Studien. Bei Coxarthrose war die Evidenz moderat, die Effekte vernachlässigbar: Die Schmerzen besserten sich im Mittel um -6,7 Punkte. An der Hand waren es – 10,0 Punkte.
Nicht allein auf Training setzen!
Insgesamt war Training bei unterschiedlich sicherer Evidenz ähnlich wirksam wie Schulung, Manualtherapie, Analgetika, Injektionen, Arthroskopien. In einzelnen Studien war es in selektierten Kohorten mit einem Unterschied von 12,4 Punkten langfristig weniger gut wirksam als Knie-Osteotomien, und mit 17,1 Punkten Unterschied am Knie und 24,2 an der Hüfte einem Gelenkersatz unterlegen.
Das Autorenteam räumt viele Limitationen ein; die aktuelle Evidenz ist schlicht zu schwach, die Studien sind zu heterogen und oft sehr klein. Allein auf Training als Erstlinientherapie möchte es weniger setzen.
„Da Bewegung scheinbar vergleichbare Ergebnisse wie viele andere Behandlungen erzielt, könnten Ärzte und Physiotherapeuten ihre Entscheidung auf Grundlage der Patientenpräferenzen, der möglichen Risiken der Behandlung und ihrer eigenen Expertise treffen. In diesem Zusammenhang kann Bewegung aufgrund ihrer Sicherheit, weiterer Gesundheitsvorteile und geringerer Kosten vorzuziehen sein.“
Den Forschenden ist bewusst, „dass manche Patienten Bewegung auch dann als sinnvoll erachten, wenn die erwarteten Effekte gering oder nicht vorhanden sind, etwa um eine Verschlimmerung der Symptome zu verhindern.“
Quelle: Ärzte Zeitung - Springer Medizin Verlag GmbH
