Weniger Schmerzen
Orthese bei Kniearthrose könnte hilfreich sein
Keele (Großbritannien). Bei schmerzhafter Kniearthrose könnte eine an das betroffene Kompartiment angepasste Orthese bei guter Adhärenz hilfreich sein, wie die randomisierte PROP-OA- Studie aus Großbritannien nahelegt (BMJ 2026; online 26. Januar). Nach einem halben Jahr zeigte sich gegenüber der Kontrollgruppe eine leichte Verbesserung, vor allem in der Subskala „Schmerz“ im Knee Injury and Osteoarthritis Outcomes Score (KOOS).
Das unterstützende Tragen einer Orthese zur Behandlung einer Kniegelenkarthrose wird in der Praxis zwar immer wieder empfohlen, bisherige Studien hierzu waren jedoch wenig aussagekräftig (zu klein, zu heterogen, zu kurze Laufzeit).
In der 2024 aktualisierten Gonarthrose-Leitlinie der DGOU (Deutsche Gesellschaft für Orthopädie und Unfallchirurgie) wird der routinemäßige Einsatz von Gonarthrose-Orthesen bei Arthrose explizit nicht unterstützt. Sie können laut Leitlinie aber im Einzelfall erwogen werden, wenn zum Beispiel eine Bewegungstherapie ineffektiv war, eine wesentliche Gelenkinstabilität oder eine abnormale biomechanische Belastung vorliegt.
Orthese an die Arthrose angepasst
Was ist an der PROP-OA-Studie nun besonders? Das Orthesenmodell wurde je nach betroffenem Kompartiment ausgewählt und wirkte dementsprechend patello- bzw. tibiofemoral entlastend oder neutral stabilisierend. Sowohl bei der Anpassung als auch bei einer Kontrollsitzung zwei Wochen danach wurden die Teilnehmenden der Interventionsgruppe ausführlich zur Orthese beraten; außerdem erhielten sie Prompts per SMS, um die Adhärenz zu stärken.
Diese Maßnahmen erfolgten zusätzlich zu einer Kombination aus allgemeiner Beratung, Infomaterial und Anleitung zu häuslichem Training (abgekürzt AIE). Die Kontrollgruppe dagegen bekam lediglich das AIE-Paket.
Interventionsgruppe leicht im Vorteil
Von den insgesamt 466 Teilnehmenden (Schmerzstärke ≥ 4 auf einer numerischen 10-Punkte-Skala) waren 46% Frauen, das Durchschnittsalter lag bei 64 Jahren. 237 wurden dem kombinierten Bracing (AIE+B) zugelost, 229 dienten als Kontrollen (AIE). Nach sechs Monaten war die Orthesengruppe im primären Endpunkt, dem KOOS(Knee Osteoarthritis Outcomes Score)-5, signifikant überlegen, mit 55,3 gegenüber 52,3 Punkten auf der 100-Punkte-Skala (adjustierte Differenz 3,39; 95%-KI 0,96–5,82). Der prädefinierte klinisch relevante Mindestunterschied von 8 Punkten wurde damit jedoch nicht erreicht.
Das Dreimonats-Ergebnis war ähnlich wie nach sechs Monaten (Differenz 3,67). Nach zwölf Monaten, dem letzten Beobachtungszeitpunkt, war der Unterschied nicht mehr signifikant (2,67 Punkte).
Am stärksten war der Effekt der Orthese in den KOOS-Subskalen „Schmerz“ und „Alltagsaktivitäten“, hier lag die adjustierte Differenz nach sechs Monten bei 6,13 bzw. 5,24. In diesen beiden Endpunkten waren die Unterschiede nach einem Jahr immer noch signifikant (4,76 bzw. 3,60 Punkte). Leicht im Vorteil war die Bracing-Gruppe auch bei den Knieschmerzen unter Belastung, und zwar zu allen drei Messzeitpunkten.
Adhärenz lohnt sich
Die 120 Teilnehmenden aus der AIE+B-Gruppe, die laut Definition „adhärent“ waren, d. h. die Orthese ein halbes Jahr lang an mindestens zwei Tagen pro Woche für mindestens eine Stunde angelegt hatten, kamen immerhin auf 5,21 Punkte mehr im KOOS-5 als die Kontrollgruppe. Der häufigste Grund, warum die Orthese weggelassen wurde, war, dass sie nicht unter die Kleidung passte.
Bei den Berechnungen hatte man neben Faktoren wie Alter und Geschlecht auch das vorrangig betroffene Kompartiment, eine evtl. vorhandene Knieinstabilität sowie Ängste und Depressionen berücksichtigt.
Allerdings: Nicht nur die Interventionsgruppe, sondern auch 37 Personen aus Kontrollgruppe hatten im Studienzeitraum zumindest zeitweise eine Orthese getragen. Daraus ergibt sich ein gewisses Verzerrungsrisiko.
Nach Melanie Holden von der Keele University in England und ihrem Team wurde die kombinierte Intervention mit Orthese von den Beteiligten insgesamt positiver bewertet als AIE allein (79% gegenüber 69% hatten angegeben, dass ihnen die Maßnahme zusagte oder sehr zusagte). Die Intervention sei insgesamt sicher gewesen. In jedem fünften Fall hatte die Orthese allerdings zu Hautreizungen und -rötungen geführt. Andere Nebenwirkungen wie Blasen und offene Stellen waren mit 4% selten.
In der Diskussion merkt das Team an, dass „kontextuelle Faktoren“ für das Ergebnis eine Rolle gespielt haben könnten. So habe zum Beispiel die AIE+B-Gruppe beim Physiotherapeuten mehr Zeit und Aufmerksamkeit erhalten als die Kontrollgruppe, bei der nur eine 20-minütige Sitzung zu Beginn stattgefunden hatte.
„Bislang stärkster Beleg“ für Orthesen bei Arthrose
Letztlich bewertet die Studiengruppe, an der auch Mitglieder des NHS Foundation Trust beteiligt waren, die Ergebnisse jedoch positiv: „Unsere Studie liefert den bislang klarsten und stärksten Beleg dafür, dass Orthesen – sofern sie auf den Arthrosetyp abgestimmt sind und die Maßnahme von geschultem Fachpersonal begleitet wird – Vorteile bei der Schmerzkontrolle und den täglichen Aktivitäten bieten, insbesondere wenn sie über einen längeren Zeitraum hinweg konsequent getragen werden.“
Quelle: Ärzte Zeitung - Springer Medizin Verlag GmbH
